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Interview

«Sanierungen sind hartes Brot»

Bei Neubauten ist Energieeffizienz heute eine Selbstverständlichkeit. Viele ältere Liegenschaften sind jedoch noch schlecht gedämmt. Minergie-Geschäftsleiter Andreas Meyer Primavesi erklärt im Interview, wie sein Verein Gesamtsanierungen fördert.

Andreas Meyer Primavesi ist Geschäftsleiter des Vereins Minergie, der die gleichnamigen Gebäudestandards herausgibt. (Bild: mrm)

Mittlerweile stehen in der Schweiz mehr als 43 000 Minergie-Gebäude. Wie viele davon sind sanierte Altbauten?
Die Sanierungen machen rund 8 Prozent aller Minergie-zertifizierten Gebäude aus. Das sind etwa 3300 Gebäude.

Bei Neubauten ist Energieeffizienz auch dank Minergie zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Sanierungen werden aber noch selten gemacht. Wie wollen Sie Hauseigentümer dazu bringen, in energetische Massnahmen zu investieren?
Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder sind Sanierungen der gesamten Gebäudehülle freiwillig oder man erklärt sie zur Pflicht. Als Label sind wir der Ansicht, dass Modernisierungen auf Freiwilligkeit beruhen müssen. Finanzielle Unterstützung können wir als Verein nicht bieten, das machen die Kantone. Wir versuchen stattdessen, mit unseren Vorgaben mit möglichst geringen Hürden hohe bauliche Qualität zu erzielen.

«Langfristig führt kein Weg daran vorbei, den bestehenden Gebäudepark auf das Niveau von Minergie zu bringen.»

Und wie machen Sie das?
Wir haben fünf Systemlösungen für Sanierungen entwickelt. Für private Immobilienbesitzer ist eine Gesamtsanierung oft zu teuer, wenn sie alles auf einmal machen müssen. Deshalb sehen wir die Möglichkeit vor, die Erneuerung in Etappen vorzunehmen. Wer nach einer unserer Systemlösungen saniert, reduziert den Energieverbrauch locker um die Hälfte, unter Umständen sogar um bis zu zwei Drittel. Gleichzeitig wird der Wohnkomfort erhöht. Wir haben bei diesen Lösungen einen pragmatischen Ansatz gewählt. Wir glauben, dass wir diese Systemlösungen etablieren können. Aber gute Sanierungen sind ein hartes Brot, damit tun sich alle schwer.

«Wer nach einer unserer Systemlösungen saniert, reduziert den Energieverbrauch locker um die Hälfte.»

Hätten Sie sich auch vorstellen können, einen eigenen Standard für Sanierungen zu machen, ein «Minergie-S»?
Unsere Philosophie ist, dass jedes Label sowohl neubau- als auch sanierungstauglich ist. Darum wäre es marketingtechnisch ein Fehler, einen weiteren Standard zu schaffen. In Fachkreisen ist klar, dass es drei verschiedene Minergie-Standards gibt. Wenn Sie hingegen auf der Strasse Leute fragen, kennen die nur die Marke Minergie. Wir denken aber, dass mehr Kommunikation nötig ist, um Gesamtsanierungen zu fördern. Wir müssen aufzeigen, dass langfristig kein Weg daran vorbei führt, den bestehenden Gebäudepark auf das Niveau von Minergie zu bringen.

Mit dem Qualitätssiegel «MQS Betrieb» bieten Sie Kontrollen der Gebäudetechnik an. Die Kantone haben auf solche Überprüfungen in ihren Vorschriften verzichtet. Sie betrachten das als zu grossen Eingriff in die Freiheit der Eigentümer. Wie sehen Sie das?
Ich verstehe die Rolle des Vereins Minergie so, dass wir Dinge ausprobieren können, um zu beweisen, dass sie möglich und wirksam sind. Der Staat kann davon profitieren. «MQS Betrieb» wurde in Zusammenarbeit mit den Kantonen entwickelt. Es ist eine freiwillige Massnahme, mit der wir Erfahrungswerte generieren. Darauf kann der Staat dann allenfalls ein Gesetz, eine Verordnung oder eine Richtlinie aufbauen. Ansonsten ist die Gefahr gross, dass das Gesetz plötzlich Dinge vorschreibt, die nicht praxis- oder massentauglich sind.

«Unser Ansatz ist quick and dirty

Haben Sie mit «MQS Betrieb» bestimmte Zielgruppen im Auge?
Die professionellen Betreiber grosser Gebäude sind beim Thema Betriebsüberwachung und -optimierung sicher weiter als Ein- und Mehrfamilienhausbesitzer, Genossenschaften, KMU und kleine Verwaltungen. Deshalb fokussieren wir zu Beginn auf die zweite Gruppe. Für diese fehlten bisher einfache Instrumente. Unser Ansatz ist «quick and dirty». Dafür kostet eine Betriebsoptimierung eines Einfamilienhauses auch nur 1200 Franken. Für dieses Geld gibt es einfache Auswertungen, einen Besuch vor Ort und unkompliziert umsetzbare Optimierungsvorschläge.

Ihr zweites neues Qualitätssiegel heisst «MQS Bau». Diese Baubegleitung fokussiert «Minergie-relevante Bauteile». Heisst das, dass für alles andere noch ein zweiter Bauberater nötig ist?
Sehr viele Elemente haben irgendwie mit Minergie sprich mit Energieeffizienz oder Komfort zu tun. Unsere Prüfungen erfassen zum Beispiel die Böden, weil wir ja die Bodenheizung darunter kontrollieren. Wenn Sie aber jemanden haben wollen, der nachschaut, ob die Badezimmerplättli sauber verlegt sind, dann brauchen Sie tatsächlich noch einen zweiten Berater. (Interview: mrm)

Mehr zu den auf 2017 überarbeiteten Minergie-Standards: Dämmen allein reicht nicht mehr (Bauwelt-Beitrag vom 25.01.2017)

Erneuern mit System

Um energetische Gesamtsanierungen zu erleichtern, hat der Verein Minergie einen Zertifizierungsweg entwickelt, der vor allem einfach sein soll. Das Konzept umfasst fünf Systemlösungen, die Massnahmen in den Bereichen Gebäudehülle und Gebäudetechnik sinnvoll kombinieren. Die einzelnen Lösungen nehmen Rücksicht auf den individuellen Gebäudezustand und bereits vorgenommene Erneuerungen.

Die Umsetzung ist über mehrere Jahre etappierbar. Das soll es Eigentümern erleichtern, die Modernisierung zu finanzieren.

Weitere Infos sind auf minergie.ch zu finden.

 

Von welchen Fördergeldern kann ich profitieren?

Bund, Kantone, Gemeinden und Werke unterstützen Investitionen in mehr Energieeffizienz mit unzähligen Förderprogrammen. Mit Hilfe des kostenlosen Bauwelt-Energiesparrechners können Bauherren und Hausbesitzer individuell ermitteln, welche Fördermittel für das eigene Neu- oder Umbauprojekt relevant sind. www.bauwelt.ch/energiesparrechner