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Strahlenschutz

Referenzwert für erlaubte Radonbelastung in Häusern ab 2016 gesenkt

Mit dem neuen Referenzwert sind geschätzte 12 Prozent aller Gebäude betroffen. Was dies für Hausbesitzer heisst, erklärt dieser Artikel.

Radon ist ein radioaktives Edelgas, das sich in Innenräumen ablagern kann. © R.B. Weiss, pixelio.de

Bisher galt für die Radonbelastung ein Grenzwert von maximal 1000 Becquerel pro Kubikmeter. Der neue Referenzwert für das radioaktive Element soll nur noch 300 Becquerel pro Kubikmeter betragen. Diese Absenkung hat Folgen für den schweizerischen Gebäudepark: Beim alten Grenzwert überschreiten bloss zwei Prozent aller Gebäude die Limite. Mit dem neuen Referenzwert sind  geschätzte 12 Prozent aller Gebäude betroffen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt Referenzwerte zwischen 100 und 300 Becquerel pro Kubikmeter.

Würde sich die Schweiz am unteren Wert orientieren, müssten über 40 Prozent aller Gebäude radonsaniert werden. Doch eine Sanierungspflicht für Bestandesbauten wird es auch weiterhin nicht geben. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) setzt auf «radongerechte» Neubauten. Der aktuelle Stand der Baukunst bietet nach Einschätzung verschiedener Fachleute eine relativ hohe Sicherheit. Deshalb sind auch die Radon-Paragrafen der revidierten Strahlenschutzverordnung primär auf Neubauten ausgerichtet.

Was tun bei Radonbelastung?

Radon dringt bei Neubauten vor allem durch Risse und Leitungsdurchbrüche in der Bodenplatte in das Gebäude ein und sammelt sich in den Innenräumen an. Während der Heizperiode wird das Gas durch den Kamineffekt ins Gebäude hochgesogen und verteilt sich im Wohnraum. Um dies zu vermeiden, gibt es vor allem zwei Massnahmen: Entweder dichtet man das Gebäude so gut wie möglich ab oder führt das Gas mittels Radondrainagen, Radonbrunnen und allenfalls einer mechanischen Ventilation kontrolliert ab. Joëlle Goyette-Pernot, Professorin an der Hochschule für Technik und Architektur Freiburg und BAG-Radondelegierte für die französische Schweiz sagte anlässlich einer Krebstagung Ende 2014 «Wichtig ist eine dauerhafte Dichtigkeit der Bodenplatte. Dazu braucht es entweder eine Betonqualität gemäss SIA 272 oder eine zusätzliche Membran.» Gerade bei der Installation von Wärmepumpen oder Erd­sonden müsse man ein scharfes Auge auf die Leitungsdurchführungen halten. «Erdsonden sollte man keinesfalls direkt unter dem Fundament, sondern mit ausrei­chend Abstand platzieren», sagte Goyette-Pernot weiter.

Normales Lüften reicht nicht

Auch Bestandesbauten mit einer erhöhten ­Radonkonzentration werden prinzipiell durch ­­Belüftung oder Abdichtung saniert, «doch Abdichtung ist immer kompliziert», wie Joëlle Goyette-Pernot festhielt. Im ersten Fall wird durch eine konstante und mechanische Lüftung die Radonkonzentration abgesenkt. Im zweiten Fall geht es darum, Risse in der Bodenplatte zu schliessen und das Radon zu extrahieren, etwa mit einem Radonbrunnen. Wie Studien zeigen, ist das ­normale Stosslüften als Gegenmassnahme un­geeignet: Schon wenige Stunden nach dem Schliessen der Fenster steigt die Radonkonzentration auf das frühere Niveau an.

Filter im Minergiehaus regelmässig wechseln

Während das Bauen oder Sanieren nach Minergie-Standard gute Ansätze für das Verringern der Radonkonzentration bringt, ist laut Goyette-Pernot das ­Verhalten der Bewohner zentral: «Das Wohnen ­im Minergiehaus will gelernt werden. Viele vernachlässigen das Wechseln von Filtern und ­andere Unterhaltsaufgaben, doch ohne diese Massnahmen ist die Innenluftqualität nicht ­­genügend.» Wie bei vielen anderen Themen ist die Prävention auch beim Radon wesentlich ­kostengünstiger als die Schadensbehebung. Die Installation einer prophylaktischen Radondrainage bei einem Neubau kostet ein paar Hundert Franken. Eine nachträgliche Radonsanierung beläuft sich dagegen rasch auf Tausende oder gar Zehntausende von Franken.

Radon nach Rauchen häufigste Ursache für Lungenkrebs

Diese Sanierungskosten mögen hoch scheinen. Doch vergleicht man sie mit den Beträgen, die im Gesundheitswesen anfallen, sind sie minim. Radon ist in der Schweiz nach dem Rauchen die häufigste Ursache von Lungenkrebs, jedes Jahr führt es zu 200 bis 300 Todesfällen.

Angepasste Baunormen

Die neuen medizinischen Erkenntnisse zum Schadenspotenzial von Radon fanden bereits vor einem Jahr Eingang in die Baunormen. Im Juli 2014 wurde die revidierte SIA-Norm 180 «Wärmeschutz, Feuchteschutz und Raumklima in Gebäuden» in Kraft gesetzt. Bei Bestandesbauten liegt der Fokus auf dem Verhindern des Gaseintritts und dem Absenken der Konzentration. Wenn möglich soll die Gebäudehülle gegen das Erdreich abgedichtet werden und, etwa mit einer mechanischen Belüftung, eine gezielte Kontrolle der Druckverhältnisse im Gebäude erreicht werden. Bei Neubauten ver­langt die Norm präventive Massnahmen für den Radonschutz. So müssen die Abdichtung des ­Gebäudes und eine allfällige Drainage abgeklärt werden. Die Dichtigkeit von Bodenplatten sowie der Wände unterirdischer Räume wird schärfer beachtet.

Radonmessungen durchführen

Die Messung der Radonkonzentration ­­vor einer Sanierung gehört neu zu den Regeln der Baukunst. Vorerst fakultativ, von Radonfachpersonen aber dringend als «best practice» empfohlen, ist die Radon-Langzeitmessung in der ersten Heizperiode nach dem Bezug. (Michael Staub, nge)