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Neue Minergie-Standards

Dämmen allein reicht nicht mehr

Der Verein Minergie hat seinen Gebäudestandards eine Frischzellenkur verpasst. Wer sein Haus zertifizieren lassen möchte, muss künftig erneuerbar heizen und selber Strom produzieren.

Zum Beispiel mit Photovoltaik: Um den neuen Minergie-Standards zu genügen, muss ein Gebäude selber Strom produzieren. (Bild: CC0)

Minergie ist wohl der bekannteste Gebäudestandard der Schweiz. Mehr als 43‘000 Gebäude wurden seit der Gründung des Labels im Jahr 1998 zertifiziert.

Im Lauf der Zeit hat der Verein, der hinter dem Label steht, seine Palette an Zertifizierungen ausgebaut: Dem «normalen» Minergie-Standard folgten die deutlich strengeren «Minergie-P» und «Minergie-A».

Auf 2017 hat der Verein diese drei Gebäudestandards umfassend überarbeitet und erweitert. Ein Grund dafür ist, dass die Kantone über die Jahre ihre Bauvorschriften nach und nach verschärft und sich den Vorgaben von Minergie angenähert haben. Zudem reagiert der Verein mit den neuen Standards auf die aktuellen energie- und klimapolitischen Ziele – etwa die nationale Energiestrategie 2050 und der Weltklimavertrag von Paris.

Absicht des Vereins ist es nach eigenen Angaben, mit den Anpassungen an den bewährten Standards «wichtige technische Innovationen» aufzunehmen und auch weiterhin ein «Wegbereiter für die nachhaltige Entwicklung der Schweizer Baukultur» zu bleiben. Wer ein Minergie-Zertifikat haben will, soll auch in Zukunft mehr tun müssen, als das Gesetz vorschreibt.

Stromverbrauch fliesst in Gesamtbeurteilung ein

Die Labels sollen garantieren, dass Gebäude energieeffizient sind, einen hohen Wohn- respektive Arbeitskomfort bieten und dass ihr Werterhalt gesichert ist. Mit diesen Argumenten bewirbt der Verein seine überarbeiteten Standards, von denen alle die kommenden kantonalen Energiegesetze (MuKEn 2014) erfüllen.

Alle drei Standards beziehen neben dem Heizenergieverbrauch neu auch den Stromkonsum eines Gebäudes in die Beurteilung mit ein. «Ein modernes Gebäude braucht mehr Energie für Geräte als für Heizung und Warmwasser», sagt Minergie-Geschäftsleiter Andreas Meyer Primavesi. Diesem Umstand trägt der Verein mit der Einführung einer Gesamtenergiebilanz Rechnung, welche die Elektrizität für Beleuchtung und Geräte berücksichtigt.

Verpflichtung zur Stromproduktion

Um die Vorgaben zu erfüllen, muss ein Gebäude einen Teil des Stroms, der darin verbraucht wird, selber erzeugen. In der Regel soll dies durch Sonnenenergie geschehen. Diese Vorgabe zur Eigenstromerzeugung entspricht den künftigen kantonalen Energievorschriften (MuKEn 2014).

«Die Produktion von sauberer Energie ist zwingend», sagte Minergie-Geschäftsleiter Andreas Meyer Primavesi. Diese soll möglichst vollständig vor Ort, sprich im Gebäude selber, verbraucht werden. Verhindern will der Verein hingegen, dass ineffiziente Anlagen gebaut werden, die den produzierten Strom ins Netz einspeisen.

Heizen mit Öl und Gas bei Neubauten tabu

Künftig dürfen Minergie-Neubauten nicht mehr fossil beheizt werden – toleriert werden nur noch indirekte fossile Belastungen, die beim Strom- respektive Fernwärmebezug anfallen können.

Anders sieht es bei Sanierungen aus: Hier erlaubt der Verein das Heizen mit fossiler Energie grundsätzlich weiterhin.

Eine weitere Neuerung ist die Einführung eines Energie-Monitorings bei Grossbauten und Minergie-A-Gebäuden. Dadurch soll sichergestellt werden, dass die Bauten die geforderten Energiekennzahlen nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Betriebspraxis erfüllen.

Bewährtes bleibt erhalten

Trotz aller Neuerungen bleibt man sich bei zwei zentralen Kriterien treu: Weiterhin ist der kontrollierte Luftwechsel (der im Minergie-Jargon «Komfortlüftung» heisst) für eine Zertifizierung zwingend. Auch die Anforderungen an die Gebäudehülle bleiben nahezu unverändert. «Die Hülle wird nicht mehr dicker», sagt Meyer Primavesi. Dies dürfte vor allem die Architekten freuen, die sich in der Vergangenheit durch die strengen Vorschriften für Minergie-P-Gebäuden in ihrer gestalterischen Freiheit eingeschränkt sahen.

Ebenfalls beim Alten bleibt die optionale Zusatzzertifizierung «Minergie Eco» für Bauökologie und Gesundheit, die bei allen drei Standards möglich ist.

Gesamtsanierungen sollen einfacher werden

Speziell für Gebäudesanierungen hat Minergie einen einfachen Zertifizierungsweg entwickelt. Er umfasst fünf Systemlösungen, die laut dem Verein einfache, aber wirkungsvolle Massnahmen in den Bereichen Gebäudehülle und Gebäudetechnik sinnvoll kombinieren. Die Umsetzung kann in Etappen über mehrere Jahre erfolgen, was die Finanzierbarkeit erleichtern und so die Motivation von Immobilienbesitzern erhöhen soll, eine umfassende Modernisierung ihrer Liegenschaft in Angriff zu nehmen. (mrm/mgt)

Neue Angebote für Qualitätssicherung in der Bau- und Betriebsphase von Gebäuden

Der Verein Minergie bietet neu neben den bekannten Standards zwei verschiedene Produkte zur Qualitätssicherung an. Das eine, «MQS Bau», bezieht sich auf die Bauphase, das zweite, «MQS Betrieb», auf die Betriebsphase. Sie sollen gewährleisten, dass ein Gebäude nicht nur gut geplant, sondern auch mängelfrei gebaut und effizient betrieben wird. «Die Behebung von Baumängeln kostet in der Schweiz jährlich gut 1,6 Milliarden Franken», sagt Minergie-Geschäftsleiter Andreas Meyer Primavesi. «Ein gut geplantes und gebautes Gebäude muss aber auch richtig betrieben werden, um sein Potenzial auszuschöpfen.»

Bei «MQS-Bau» verlangt Minergie eine umfassende Baudokumentation und Inbetriebsetzungsprotokolle zu Heizungs- und Lüftungsanlagen. «MQS-Bau» wird noch bis Ende 2017 in einer Pilotphase getestet und soll Anfang 2018 eingeführt werden.

«MQS-Betrieb» richtet sich an Bauherrschaften bereits früher zertifizierter Bauten. Die Minergie-Betriebsoptimierung soll die Qualitätsansprüche punkto Wohnkomfort und Energieeffizienz während des Betriebs garantieren. Mittels Datenerhebung und Begehung vor Ort wird eruiert, ob Massnahmen zur Optimierung möglich sind. Der erfolgreiche Abschluss der Optimierung wird vom Verein bestätigt. (mrm/mgt)

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