Sie sind hier

Architektur

Trojanisches Lüftungsrohr

Alternative Raumkonzepte haben es nicht immer leicht, gerade in der Metropole London. Drei junge Architekten haben dennoch einen Weg gefunden, die strengen Reglements zu umgehen: Sie entwarfen einen Pavillon - in Form eines Lüftungsrohrs.

Hinter dem Dachaufbau steckt mehr, als der erste Blick verrät. (Bild: Jim Stephenson)

Ein Architekturtrio in London macht mit einem ungewöhnlichen Pavillon auf einer Lagerhalle im Osten Londons von sich Reden. Da die Behörden den geplanten Aufbau auf dem Dach der Lagerhalle verboten, entwarfen sie ein kolossales Lüftungsrohr und erhielten prompt die Genehmigung. «Das Projekt soll die lokalen Behörden dazu anregen, sich guten Ideen zu öffnen», erklärt Phineas Harper, einer der Verantwortlichen, gegenüber dem Onlineportal «Dezeen».

Baurechtliche Provokation

Die Idee für die trügerische Form kam den Architekten, als sie nach der Absage die zulässigen Alternativen prüfte. Das geltende Baurecht bot nämlich ein Schlupfloch: Die Behörden erlauben zweistöckige Aufbauten, sofern sie zur Haustechnik gehören.

«Wir wollten eine Debatte über die scheinheilige Genehmigungspolitik entfachen», erklären die Architekten. Während selbst die hässlichsten technischen Dachaufbauten niemanden störten, würden alternative Nutzungen abgewiesen: «Warum können wir die Flächen nicht für Wohnfläche nutzen und so Hunderttausende Quadratmeter Dachfläche im positiven Sinne nutzen?»

Subversive Architektur

Die Architekten wählten nicht nur eine unkonventionelle Form, sondern auch Materialien: Ähnlich wie Schuppen, bedecken silbrige Schindeln aus Tetrapaks den eher spartanischen Holzrahmenbau. Das rezyklierte Material dient zugleich als Regenschutz. Allerdings sind die unteren Kanten der Schindeln nicht fixiert, sodass sie Sonnenlicht und Wind durchlassen.

Um den Pavillon tatsächlich als Wohnräume zu nutzen, können zu einem späteren Zeitpunkt die Innenwände isoliert und eine Küche eingerichtet werden. Hinein gelangt man über eine Treppe aus der Lagerhalle. Ein Detail, das die Architekten diebisch freut: «Das betont unser Konzept, dass der Aufbau nur vorgibt, ein Lüftungsrohr zu sein und unterstreicht die ganze Heimlichtuerei.»

Stiftung für alternative Wohnraumnutzung

Das Architekturbüro rund um Theo Molloy, Chloe Leen und Steve Wilkinson trägt mit dem unkonventionellen Entwurf zur «Antepavilion»-Kampagne der «Architecture Foundation» bei. Die Stiftung wird vom Bauträger «Shiva» gesponsert und sieht sich als Koalition von Architekten, Bauherren und Bauprofis. Die Mitglieder kämpfen für eine nachhaltige und gerechte Stadtentwicklung.

Der Pavillon auf dem Dach einer Lagerhalle am «Regent's Canal» fügt sich in eine Reihe weiterer Aufbauten, die in den vergangenen Jahren von der Stiftung beauftragt wurden. Die Stiftung möchte so ein Umdenken bei den verantwortlichen Städteplanern erreichen. Zwar stelle der Pavillon mit seiner trügerischen Form die vielfältigen Probleme in der Wohnbauplanung bloss. «Wir hoffen auf eine recht witzige und freundliche Art und Weise», resümiert Harper. (esc)