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Buchtipp

Architektonische Antihelden

Verwaiste Geisterstädte, stillgelegte Vergnügungsparks, nie genutzte Metrolinien und völlig verwahrloste Monumente wie Bulgariens Palast der Kommunistischen Partei – moderne Bauruinen sind das Thema von Alessandro Biamontis Bildband «ArchiFlop».

Die UFO-ähnlichen Häuser in Sanzhi Pod City in Taiwan waren eigentlich als schicke Feriendomizile für reiche Grossstädter gedacht. Bereits zwei Jahre nach dem Baustart wurde das Bauprojekt 1980 aufgegeben. (Bild: Kevinhung / shutterstock.com)

Ruinen vergangener Epochen beeindrucken. Sie sind Teil des geschichtlichen Bewusstseins und Zeugen einer weit zurückliegenden Vergangenheit. Monumente wie römische Amphitheater oder die Überreste einer mittelalterlichen Burg erfüllen spätere Generationen mit Stolz, werden sozusagen auf einen Sockel gestellt.

«Moderne» Ruinen werden dagegen völlig anders behandelt: Man reisst sie ab, ersetzt oder saniert sie. Denn die Überreste von Bauten aus der unmittelbaren Vergangenheit, die, aus welchen Gründen auch immer, stillgelegt oder sich selbst überlassen wurden, berühren auf ganz andere Weise. Sie faszinieren ähnlich wie alte Science-Fiction-Filme mit ihren Visionen zukünftiger Technologien, die heute längst übertroffen worden sind.

Alessandro Biamonti, Architekt und Dozent für Design am Polytechnikum von Mailand, hat den modernen Ruinen mit «ArchiFlop» einen schaurig-schönen Band gewidmet. Er stellt darin 25 gescheiterte Architekturprojekte aus der ganzen Welt vor. Biamonti nimmt seine Leser mit auf eine skurile Sightseeingtour und erzählt dabei, wie die Beton und Stahl gewordenen Visionen entstanden sind und woran sie scheiterten. Die Bauwelt-Redaktion hat vier Beispiele zusammengestellt:

1. Eine verlassene Metrolinie in Belgien


Die Phantomlinien rund um die belgische Stadt Charleroi wurden nur teilweise realisiert und nie eröffnet. (Bild: Véronique Mergaux)

Die Linie «Châtelet» der Metro rund um Charleroi in Belgien wurde in den 60er-Jahren als Ringlinie projektiert. Das Grossprojekt sah vor, dass acht Abzweigungen in die Aussenbezirke und insgesamt 69 neue Stationen das Stadtzentrum mit den ausserstädtischen Bereichen verbinden. Heute sind davon lediglich vier Strecken in Betrieb.

Einer dieser verwaisten Abschnitte ist der 6,8 Kilometer lange «Châtelet»-Zweig. Dieser wurde wegen der Stahlkrise in den 90er-Jahren nie vollendet. In der Folge zogen Teile der Bevölkerung fort, die ausserstädtischen Linien wurden schlicht überflüssig. Der «Châtelet»-Zweig wurde zur Phantomlinie ohne Fahrgäste. Die Strecke umfasst neben den Gleisen fünf vollständig ausgerüstete Bahnhöfe mit Rolltreppen, Toiletten, Ampeln und Kontrolleinrichtungen. Nachdem in den vergangenen 34 Jahren immer wieder Mobiliar gestohlen wurde, erobert heute die Natur den Ort nach und nach zurück. 

2. Wohnen dicht-an-dicht in Japan


Auf der Insel Hashima in Japan wurde 1959 die höchste bis dahin gemessene Bevölkerungsdichte erreicht. (Bild: The Asahi Shimbun via Getty Images)

Im westlichsten Teil Japans fiel Anfang des 19. Jahrhunderts der Startschuss für ein weiteres «ruinöses» Projekt: Vor 200 Jahren wurden auf Hashima, einer unbewohnten Insel vor Nagasaki, lukrative Kohlevorkommen entdeckt. Mit der Zeit wurde der unterseeische Abbau für die Industrie und die Energieversorgung von Nagasaki derart wichtig, dass man ab Ende des 19. Jahrhunderts die Insel mit Aufschüttungen vergrösserte. Dies, um Platz für die Minenarbeiter zu schaffen. Hunderte Bergleute mitsamt ihren Familien siedelten sich auf Hashima an. Schulen, Läden, Restaurants, ein Spital, ein Kino und ein Sportplatz folgten. Im Jahr 1916 errichtete der Mitsubishi-Konzern auf Hashima die ersten mehrstöckigen Stahlbeton-Häuser Japans. Ende der 50er-Jahre erreichte das Eiland die bis dahin höchste jemals gemessene Bevölkerungsdichte der Welt: Auf der etwa einen Quadratkilometer grossen Insel lebten 3450 Einwohner.

Ab 1974, nach der Aufgabe des Kohleabbaus, verliessen die Bewohner die Insel innert weniger Monate. Während der Ort nach und nach zur Ruine zerfiel, wuchs die Faszination für das architektonische Unding: 2009 öffnete Hashima ihre Pforten für Touristen. Zum wachsenden Interesse wird auch der James-Bond-Film «Skyfall» beigetragen haben: Als spektakuläre Kulisse erlangte der Ort auf der Kinoeinwand weltweite Berühmtheit. Inzwischen hat die Regierung das Eiland als Zeitzeuge der japanischen Industrialisierungsepoche zum Industrieerbe der Regionen Kyushu und Yamaguchi erklärt. Dies in der Hoffnung, dass Hashima in Zukunft zu den Unesco-Weltkulturerbestätten gezählt wird.

3. Riesen-UFO im bulgarischen Niemandsland